Juli 2019

 

Wer an-kommen will, muss vor allem an-fangen!

ch verstehe nicht, wie Studenten ins sechste Semester kommen können, ohne ein »Projekt« zu haben. Ich meine ein persönliches Schwerpunktthema, ein individuelles Interessensgebiet, ein Genre, eine Disziplin, ein Technik, die sie mehr als alles andere und als alle anderen fasziniert.

Im Falle von Designstudenten könnte das ja zum Beispiel Fotografie, Typografie, Webdesign, Illustration, Animation oder sonst was sein. »Von allem ein bisschen« ist sicher die schlechteste Empfehlung – dann kann man am Ende gar nichts richtig. Sich für alles interessieren, alles beobachten: ja! Aber man muss sein eigenes Thema finden.

So ein Spezialgebiet funktioniert wie ein Navigationsgerät. Nur wenn man weiß, wofür man sich »vor allem« interessiert, kann man sich im alltäglichen Informations-Tsunami orientieren. Wenn man keinen Kompass hat, um seinen Weg durch Webseiten, Videos, Artikel, Bücher und Bilder zu finden, versinkt man in der Datenflut, der man täglich ausgesetzt ist. Nur wer ein Projekt hat, kann entscheiden, was auf jeden Fall, vielleicht, erst später, nur wegen der neuen Freundin oder auf keinen Fall interessiert.

Man stelle sich vor, Louise Ciccone hätte sich nicht entscheiden können, ob sie lieber Pop, Country, Operette oder Jazz singen will. Nie wäre sie unter ihrem ersten Namen zu »Madonna« geworden. Nie hätte sie sich mit Leidenschaft engagiert und trainiert, Pop-Songs so spektakulär wie keine andere zu interpretieren und zu inszenieren.

Das persönliche Interesse schafft etwas Eigenes, eine individuelle Perspektive auf die Welt. Diese Perspektive macht Unsichtbares sichtbar und führt zu neuen Ideen, die wieder die eigene Perspektive verändern. Wer keine persönlichen Interessen hat, wird nichts sehen, kann nichts sehen und wird nicht einmal dafür bemitleidet werden.

Nur keine Angst, das falsche Projekt zu wählen! Richtig oder falsch ist in diesem Kontext nicht so ohne weiteres auseinander zu halten. Jede Wahl ist ein Experiment mit offenem Ausgang! Dem »Grenzwertsatz« zufolge braucht man das tausendfache Wissen um eine Dezimalstelle mehr »Unwahrscheinlichkeit« zu durchschauen. Darauf wie Alexander Kluge in der Sonntagszeitung vom 17. Mai 2009 hin. Es ist also hoffnungslos, auf letzte Klarheit und Sicherheit zu warten.

Mit einer vernünftigen Hypothese lässt sich prächtig leben - auch, wenn immer ein Rest Unsicherheit bleibt. Auf diese Art entsteht ganz nebenbei das nötige Maß von Selbstreflexion und Selbstkritik. Gerade weil es keine unzweifelhaft richtige Perspektive gibt, steht die persönliche Sicht der Dinge immer wieder in Frage, muss von Fall zu Fall neu überprüft und angepasst oder bestärkt werden.

Wer nie eine Entscheidung trifft wird nie eine Chance haben festzustellen, ob seine Hypothese über das eigene Studium, über den entsprechenden Lebensabschnitt richtig war oder nicht. Wenn sich die Hypothese als falsch erweist, wird eine neue aufgestellt. Bis zur nächsten Kurskorrektur. Angst vor Misserfolg ist dabei der denkbar schlechteste Ratgeber: »Wege entstehen dadurch, dass man sie geht«, heißt ein Zitat, das Franz Kafka zugeschrieben wird.

Das gilt auch für Designstudenten. Ob der Weg zum Ziel führt, weiß man immer erst hinterher. Leute, die nicht den Mut finden, zu einem Ziel aufzubrechen, werden auch nie »ankommen«. Wer an-kommen will, muss zuerst einmal an-fangen.

Als Madonna zum ersten Mal auf der Bühne die Bluse aufgemacht hat, konnte sie auch nicht sicher sein, dass später die ganze Welt träumen würde »in bed with Madonna« zu sein. Auf dem Weg dorthin hat sie jede Menge Kritik ausgehalten, sich nicht entmutigen lassen und Jahr für Jahr weiter trainiert.

In der Hochbegabtenforschung spricht man von der Zehn-Jahres-Regel: »Wer außerordentliches vollbringen möchte, muss demnach zehn Jahre lang jeden Tag fünf bis sieben Stunden trainieren.« (Die Zeit WISSEN, Okt./Nov. 2008, S. 16) Vielleicht klappt es ja bei Designern auch in neun oder acht oder….

Wie gesagt: Wer an-kommen will, muss vor allem an-fangen. Viel Erfolg!

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