Archive for May, 2009
Odin – Der Gott der Kreativen?
enn Kreative andere Götter neben sich dulden würden, könnte Odin darunter sein. Er ist der Hauptgott der germanischen Asen und bringt alle Eigenschaften mit, die man von einem guten Kreativen erwartet. Schon allein sein Name …
Der Name Odin, alias Odan, aka Wotan, ist aus der altnordischen Saga »Edda« überliefert, stammt aus dem Indogermanischen und kann unter anderem »Wut« als auch »Inspiration« bedeuten. Fangen wir mal mit der Wut an.
Ohne Emotion, ohne Leidenschaft ist ein Kreativer ein hilfloser Kreativer – ihm fehlt das Projekt, der Antrieb, die Energie, etwas Eigenes zu gestalten oder etwas Vorhandenes umzugestalten. »Wut« ist hier vielleicht besser als »Zorn« zu lesen, wie Peter Sloterdijk es in seinem Buch »Zorn und Zeit« verstanden hat: »der Zornige… ist der erste, … der nicht nur in Geschichten lebt, sondern auch Geschichte macht – sofern das Machen hier so viel heißt wie: der Vergangenheit Motive entnehmen, um für Kommendes zu sorgen«. (Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2006, S. 97)
Dann: »Inspiration«! Sie ist die Quelle der Einfälle, die Spannung zwischen Bildung und Einbildung, aus der Blitze neuer Ideen entstehen. Sie ist es, was Kreative auszeichnet. Es ist ihre Phantasie, die es ermöglicht, alles Bestehende zerfallen und neu erstehen zu sehen, alles umzudeuten, umzuändern, durch den Wolf zu drehen und neu zu gestalten. Oder mit den Worten von Bill Bernbach, einer der Gründer des weltweiten Agenturnetzwerks DDB: »The real giants have always been poets, men who jumped from facts into the realm of imagination and ideas.«

Auf Odins Schultern sitzen zwei Raben – Hugin und Munin. Gut Neuhochdeutsch würde man ihre Namen mit »Gedanke« und »Gedächtnis« übersetzen. Sie fliegen nachts um die Welt und erzählen ihm am nächsten Morgen, was es Neues gibt. Sie verleihen seiner Inspiration Flügel. Aus zahllosen Einzelheiten und Weisheiten, die Munin fürs Gedächtnis sammelt, heckt Hugins Findigkeit neue Einfälle, neue Ideen, die Überliefertes weiterspinnen, umdenken, vervollständigen, pointieren, verkürzen oder verkehren…
Odin zu Füßen sitzen Geri und Freki, zwei Wölfe (»Gierig« und »Gefräßig«). Sie schnüffeln an jeder Neuigkeit herum, wittern an den unscheinbarsten Dingen, jagen den banalsten Geschichten hinter, verfolgen die windigsten Hinweise und halten fest, was sie einmal zwischen den Zähnen haben. So helfen sie Odin bei der Jagd nach neuen Ideen.
Seiner Liebe zur Weisheit hat Odin sogar ein Auge geopfert – für den erhellenden Trunk aus Mimirs Brunnen. Denn er geht nicht spontan und unbedacht zu Werke. Er will verstehen, was er tut, weiß von der Begrenztheit seiner Horizonte und dass er beim Ragnarök (Götterdämmerung) sein Leben lassen wird.
Bis dahin laden seine schönen Walküren verdiente Helden nach Walhall ein, wo die durch einen Kuss Erwählten bis ans Ende der Tage mit Bier und Met bewirtet werden.
Aber leider lassen Kreative ja keine fremden Götter neben sich zu und deshalb müssen sie Ihren Weg ins Ideenreich selber finden. Dennoch: Odin könnte auf dem Weg dorthin ein guter Navigator sein.
Follow: http://www.twitter.com/_Odin
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Wer an-kommen will, muss vor allem an-fangen!
ch verstehe nicht, wie Studenten ins sechste Semester kommen können, ohne ein »Projekt« zu haben. Ich meine ein persönliches Schwerpunktthema, ein individuelles Interessensgebiet, ein Genre, eine Disziplin, ein Technik, die sie mehr als alles andere und als alle anderen fasziniert.
Im Falle von Designstudenten könnte das ja zum Beispiel Fotografie, Typografie, Webdesign, Illustration, Animation oder sonst was sein. »Von allem ein bisschen« ist sicher die schlechteste Empfehlung – dann kann man am Ende gar nichts richtig. Sich für alles interessieren, alles beobachten: ja! Aber man muss sein eigenes Thema finden.
So ein Spezialgebiet funktioniert wie ein Navigationsgerät. Nur wenn man weiß, wofür man sich »vor allem« interessiert, kann man sich im alltäglichen Informations-Tsunami orientieren. Wenn man keinen Kompass hat, um seinen Weg durch Webseiten, Videos, Artikel, Bücher und Bilder zu finden, versinkt man in der Datenflut, der man täglich ausgesetzt ist. Nur wer ein Projekt hat, kann entscheiden, was auf jeden Fall, vielleicht, erst später, nur wegen der neuen Freundin oder auf keinen Fall interessiert.
Man stelle sich vor, Louise Ciccone hätte sich nicht entscheiden können, ob sie lieber Pop, Country, Operette oder Jazz singen will. Nie wäre sie unter ihrem ersten Namen zu »Madonna« geworden. Nie hätte sie sich mit Leidenschaft engagiert und trainiert, Pop-Songs so spektakulär wie keine andere zu interpretieren und zu inszenieren.
Das persönliche Interesse schafft etwas Eigenes, eine individuelle Perspektive auf die Welt. Diese Perspektive macht Unsichtbares sichtbar und führt zu neuen Ideen, die wieder die eigene Perspektive verändern. Wer keine persönlichen Interessen hat, wird nichts sehen, kann nichts sehen und wird nicht einmal dafür bemitleidet werden.
Nur keine Angst, das falsche Projekt zu wählen! Richtig oder falsch ist in diesem Kontext nicht so ohne weiteres auseinander zu halten. Jede Wahl ist ein Experiment mit offenem Ausgang! Dem »Grenzwertsatz« zufolge braucht man das tausendfache Wissen um eine Dezimalstelle mehr »Unwahrscheinlichkeit« zu durchschauen. Darauf wie Alexander Kluge in der Sonntagszeitung vom 17. Mai 2009 hin. Es ist also hoffnungslos, auf letzte Klarheit und Sicherheit zu warten.
Mit einer vernünftigen Hypothese lässt sich prächtig leben - auch, wenn immer ein Rest Unsicherheit bleibt. Auf diese Art entsteht ganz nebenbei das nötige Maß von Selbstreflexion und Selbstkritik. Gerade weil es keine unzweifelhaft richtige Perspektive gibt, steht die persönliche Sicht der Dinge immer wieder in Frage, muss von Fall zu Fall neu überprüft und angepasst oder bestärkt werden.
Wer nie eine Entscheidung trifft wird nie eine Chance haben festzustellen, ob seine Hypothese über das eigene Studium, über den entsprechenden Lebensabschnitt richtig war oder nicht. Wenn sich die Hypothese als falsch erweist, wird eine neue aufgestellt. Bis zur nächsten Kurskorrektur. Angst vor Misserfolg ist dabei der denkbar schlechteste Ratgeber: »Wege entstehen dadurch, dass man sie geht«, heißt ein Zitat, das Franz Kafka zugeschrieben wird.
Das gilt auch für Designstudenten. Ob der Weg zum Ziel führt, weiß man immer erst hinterher. Leute, die nicht den Mut finden, zu einem Ziel aufzubrechen, werden auch nie »ankommen«. Wer an-kommen will, muss zuerst einmal an-fangen.
Als Madonna zum ersten Mal auf der Bühne die Bluse aufgemacht hat, konnte sie auch nicht sicher sein, dass später die ganze Welt träumen würde »in bed with Madonna« zu sein. Auf dem Weg dorthin hat sie jede Menge Kritik ausgehalten, sich nicht entmutigen lassen und Jahr für Jahr weiter trainiert.
In der Hochbegabtenforschung spricht man von der Zehn-Jahres-Regel: »Wer außerordentliches vollbringen möchte, muss demnach zehn Jahre lang jeden Tag fünf bis sieben Stunden trainieren.« (Die Zeit WISSEN, Okt./Nov. 2008, S. 16) Vielleicht klappt es ja bei Designern auch in neun oder acht oder….
Wie gesagt: Wer an-kommen will, muss vor allem an-fangen. Viel Erfolg!
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